Wenn ihr ein Nutzungskonzept für euren Ort erstellen wollt, gibt es viele Fragen zu klären: Welche Nutzungsformen gibt es? Welche davon passen zusammen? Reicht es, wenn man Wohnen und Coworking kombiniert? Oder sollten wir auch gleich noch Gastronomie, Bildung und Kultur mitdenken? Ein Blick auf bewährte Mischungen von Zukunftsorten kann da helfen.

In diesem Artikel lernt ihr fünf Nutzungsideen aus dem Netzwerk Zukunftsorte kennen – jeweils mit einem Praxisbeispiel, das zeigt, wie sie konkret umgesetzt wurde. Außerdem erfahrt ihr, warum sich Mehrfachnutzung lohnt und worauf ihr achten solltet, damit unterschiedliche Nutzungen nicht miteinander konkurrieren.
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Multi-Use-Ort
Ein Mehrzweckort, der von Anfang an für mehrere Nutzungen gleichzeitig gedacht ist. Zum Beispiel für Wohnen und Arbeiten, für gemeinschaftliche und öffentliche Aktivitäten oder für gemeinnützige und gewerbliche Angebote. Die verschiedenen Nutzungen teilen sich dabei oft dieselben Räume oder Flächen. So wird der Ort insgesamt stärker genutzt und wirtschaftlicher betrieben als bei einer einzigen, monotonen Nutzung.
Warum sich Mischnutzung lohnt
Multi-Use-Orte bringen aus Erfahrung des Netzwerk Zukunftsorte drei zentrale Vorteile:
Bessere Auslastung: Orte, die verschiedene Funktionen verbinden, werden stärker frequentiert. So vermeidet ihr teuer sanierte Räume, die nur monoton genutzt werden.
Ökologisch und ökonomisch nachhaltig: Statt für jede Funktion einen eigenen Raum zu bauen, könnt ihr bei kluger Planung mehrere Nutzungen in einem Raum unterbringen. Das spart Geld, reduziert Flächenversiegelung und schont klimaschädliche Baustoffe.
Gute Synergien: Wo unterschiedliche Menschen zusammenkommen, entstehen die kreativsten Ideen – etwa wenn sich Freiberufler*innen verschiedener Disziplinen im Coworking Space zusammentun oder der Austausch zwischen Gruppe, Nachbarschaft und Region gefördert wird.
5 echte Ideen für Nutzungsmischung aus 5 echten Gemeinwohlorten
Zukunftsorte als Orte auf dem Land, die leerstehende Gebäude in lebendige Begegnungs-, Arbeits- und Gemeinwohlorte verwandeln, sind ausgerichtet am Nutzen für die Menschen vor Ort, nicht am Gewinn.

Cohousing + Coworking + offener Treffpunkt
Privater Wohnraum lässt sich gut mit Räumen kombinieren, die langfristig an soziale und sozialwirtschaftliche Nutzungen vermietet werden – etwa an Vereine, für Veranstaltungen oder Bildungsangebote.
Kaiserliche Postagentur
In der alten Postagentur ist Wohnraum für zwei Parteien entstanden. Im ehemaligen Gasthaus und im Tanzsaal gibt es Räume für sozialwirtschaftliche Unternehmen und Vereine sowie für Veranstaltungen und Bildungsangebote in Langzeitvermietung. Eine Bürogemeinschaft im Projektraum entwickelt zusätzlich Konzepte für eine nachhaltige Regionalentwicklung – unternehmerisch wie zivilgesellschaftlich.

Wohnprojekt + Kreativlabor + Gästeunterbringung
Ein genossenschaftlich organisiertes Wohnprojekt kann gleichzeitig ein Gästehaus sowie ein interdisziplinäres Kreativ- und Innovationslabor sein. So können Bewohner*innen, Kreativschaffende und Besucher*innen an verschiedenen Schnittstellen zusammenkommen.
Ein Ding der Möglichkeit:
Ein Ding der Möglichkeit ist eine 2020 gegründete Genossenschaft auf dem denkmalgeschützten Rundlingshof Salderatzen (Baujahr 1900) bei Waddeweitz im Wendland – ein gemeinschaftlicher Wohn- und Arbeitsort mit Gästehaus, Kulturscheune, Kreativlabor und genossenschaftlichen Wohneinheiten.

Gastronomie + Landwirtschaft + Wohnen
Das klassische Kreislaufsystem eines Gutshofes lässt sich neu beleben, indem Hotellerie durch Kulinarik und Kultur professionalisiert und um Landwirtschaft ergänzt wird.
Gut Boltenhof:
Das denkmalgeschützte Gut Boltenhof bei Fürstenberg (Brandenburg) wird als generationsübergreifender Wohn- und Arbeitsort weiterentwickelt. Das Projekt verbindet historisches Erbe mit ökologischer Landwirtschaft, Hotellerie und Gemeinschaftsflächen – ein offener Begegnungsort für solidarisches Miteinander und zukunftsfähiges Landleben.

Coworking + Makerlab + Übernachtungen
Eine große, ehemals brachliegende Fläche lässt sich in eine breite Nutzungsmischung aus Werkstätten, Arbeitsräumen, Übernachtung und Freizeitgestaltung verwandeln – ohne dass eine Nutzung die andere ausbremst.
Kühlhaus Görlitz:
Aus einer Industriebrache in Görlitz (Sachsen) wird ein lebendiger Kultur-, Arbeits- und Übernachtungsort. Er bietet 40 Bewohner*innen ein Zuhause, 12 Menschen einen Arbeitsplatz und 52 Gästen Betten. Darüber hinaus gibt es Coworking-Angebote, eine Werkstatt und Veranstaltungsräume. All dies steht auf eigenen wirtschaftlichen Füßen.

Treffpunkte + Bildung + Veranstaltungen
Der gemeinnützige Verein in Ballenstedt (Sachsen-Anhalt) entwickelt rund um das denkmalgeschützte Gut Ziegenberg niedrigschwellige Treffpunkte, Bildungsangebote und Beteiligungsformate – als Reallabor für eine sorgende Demokratie im ländlichen Raum.
heimatBEWEGEN
Der gemeinnützige Verein in Ballenstedt (Sachsen-Anhalt) entwickelt rund um das denkmalgeschützte Gut Ziegenberg niedrigschwellige Treffpunkte, Bildungsangebote und Beteiligungsformate – als Reallabor für eine sorgende Demokratie im ländlichen Raum.
Reibungspunkte, die ihr im Blick behalten solltet
So groß die Vorteile von Mischnutzung sind, an den Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Nutzungsarten kann auch Reibung entstehen. Das Netzwerk Zukunftsorte nennt einige wiederkehrende Spannungsfelder:
Wohnen vs. Arbeiten
Bewohner*innen können sich durch Lärm oder größere Besucherzahlen in ihrer Privatsphäre gestört fühlen.Und auch das Bauamt sieht Gewerbe in Wohngegenden kritisch.
Hilfreich sind:
- Lärm- und Emissionsschutz früh mit dem Bauamt klären
- gemeinsame Regeln für Gastronomie und Lärmvermeidung
- Sichtschutz für Bewohner*innen
- durchdachte Besucherwege
- sowie feste Zeitpunkte zur Evaluation (Überprüfung und Bewertung) mithilfe externer Beratung
Privat vs. öffentlich
Positive Berichterstattung kann auch zu viele Neugierige anlocken. Dagegen hilft: private und öffentliche Bereiche klar definieren und optisch wie akustisch trennen, Besichtigungstermine bündeln und dafür sorgen, dass Anwohner*innen nicht zugeparkt werden.
Gemeinnützigkeit vs. Gewerbe
Mischnutzung finanziert gemeinnützige Angebote oft über kommerzielle Nutzungen – das kann aber zu unterschiedlichen Zielvorstellungen führen. Ein Betreiberkonzept, das alle Nutzungsgruppen und -zeiten berücksichtigt, regelmäßige Review-Termine und klare Verträge mit professionellen Gewerbetreibenden schaffen hier Klarheit.
Dorfgemeinschaft vs. Zukunftsort-Community
Wo Zukunftsort-Community und Dorf oder Nachbarschaft aufeinandertreffen, treffen auch unterschiedliche Kulturen aufeinander. Es hilft, gemeinsam mit der Nachbarschaft Ziele und Erwartungen zu definieren, von Anfang an gemeinsame Nutzungsformate einzuplanen und Verantwortlichkeiten sowie Mitbestimmungsmöglichkeiten klar festzulegen.
Das Nutzungskonzept selbst austesten
Auch die beste Nutzungsidee sollte an der Realität geprüft werden, bevor ihr euch langfristig bindet. Deswegen plant eine Testphase mit ein.
Praxisbeispiel
Coconat:
Janosch Dietrich, Gründer von Coconat, erinnert sich, wie schwer es zu Beginn war, das Team ohne festen Ort und ohne Geld zusammenzuhalten – mit einer noch vagen Idee ließen sich selbst Unterstützer*innen wie die lokale Wirtschaftsförderung kaum überzeugen. Coconat entschied sich deshalb für eine einmonatige Testphase vor Ort, unterstützt durch Crowdfunding und einen Beteiligungsworkshop mit der Bürgerschaft.
Die Testphase war zentral für den gesamten Such- und Gründungsprozess.
Take Aways
- Nutzungsideen wie Wohnen mit Gemeinwohl-Nutzungen, mit einem Kreativlabor oder Landwirtschaft mit Gastgewerbe lassen sich vielfältig kombinieren – Wohnen und Arbeiten, private und öffentliche, gemeinnützige und gewerbliche Angebote.
- Fünf Praxisbeispiele zeigen: Die passende Nutzungsidee hängt stark vom jeweiligen Gebäude, der Vision und dem Geschäftsmodell ab.
- Mischnutzung bringt bessere Auslastung, ökologische und ökonomische Vorteile sowie kreative Synergien.
- An den Schnittstellen zwischen Nutzungen entsteht die meiste Reibung – deshalb lohnt sich dort besonders viel Sorgfalt.
- Eine Testphase vor Ort kann helfen, ein Nutzungskonzept an der Realität zu prüfen, bevor ihr euch langfristig bindet.
Was könnt ihr jetzt tun?
Schaut euch die Nutzungsmischungen der vorgestellten Zukunftsorte noch einmal an und markiert: Welche kommen eurer eigenen Vorstellung am nächsten? Welche Kombination aus Nutzungsideen passt am besten zu eurem Gebäude? Übertragt anschließend die vier Reibungspunkte auf euer Vorhaben und haltet fest, wo bei euch am ehesten Konflikte entstehen könnten.
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