Ihr habt ein leerstehendes Gebäude im Blick, ein entstehendes Team und eine grobe Vorstellung davon, was hier entstehen könnte. Viele Initiativen machen an genau dieser Stelle den gleichen Fehler: sie stürzen sich zu früh in die Umsetzung – suchen Räume, gründen Vereine, beantragen Förderung – ohne vorher geklärt zu haben, wofür sie das alles tun.
Ihr habt eine Zukunftsort-Idee, aber noch kein gemeinsames Fundament?
In diesem Artikel bekommt ihr einen Überblick, wie ihr Schritt für Schritt von der ersten Idee zu einer tragfähigen Vision und einem konkreten Nutzungskonzept kommt – und warum beides untrennbar zusammengehört. Ohne eine klare Vision und ein durchdachtes Nutzungskonzept fehlt das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.
Vision & Nutzungskonzept: Was ist der Unterschied?

Zukunftsorte als Orte auf dem Land, die leerstehende Gebäude in lebendige Begegnungs-, Arbeits- und Gemeinwohlorte verwandeln, sind ausgerichtet am Nutzen für die Menschen vor Ort, nicht am Gewinn. Solche Orte brauchen zweierlei:
Die Vision gibt die Richtung vor. Das Nutzungskonzept macht sie konkret. Fehlt die Vision, wird das Nutzungskonzept beliebig. Fehlt das Nutzungskonzept, bleibt die Vision ein Wunschtraum.
Mögliche Leitfragen:
- Warum soll dieser Ort entstehen – was würde fehlen, wenn er nicht käme?
- Was soll in zehn Jahren in der Region anders sein?
Wie ihr eine echte Vision entwickelt
Vom Wunsch zur Haltung
Ein häufiger Fehler: Teams setzen sich zusammen und formulieren in einer Stunde ein Leitbild. Das Ergebnis klingt generisch – nachhaltig, inklusiv, gemeinschaftlich – und landet in der Schublade. Das Problem ist nicht der gute Wille, sondern der Prozess.
Praxisbeispiel
Wir bauen Zukunft – ein Zukunftsort auf einem 10 Hektar großen Projektgelände – hat seinen Kern klar formuliert: Die Projektgruppe erforscht und gestaltet grundlegende Bestandteile einer zukunftsfähigen Gemeinschaft und begleitet Menschen dabei, sich als Teil eines lebendigen Systems zu begreifen. Das ist keine Werbebotschaft, sondern eine Haltung, die jede Entscheidung beeinflusst – welche Veranstaltungen stattfinden, wer den Ort nutzen darf, wie er finanziert wird.

Eine tragfähige Vision entsteht aus ehrlichen Gesprächen: Was stört euch an der aktuellen Situation vor Ort? Was soll anders werden? Welche Werte sind für euch nicht verhandelbar?
Praxisbeispiel
Eine Initiative in Brandenburg wollte ursprünglich einen Co-Working-Space schaffen. Erst im Leitbildprozess merkten sie, dass es ihnen um den Erhalt des sozialen Lebens in einem schrumpfenden Dorf ging. Das veränderte alles: Zielgruppen, Räume, Finanzierungsstrategie.
Euer Leitbild muss keine langen Sätze enthalten. Manchmal reicht ein einziger klarer Satz, den alle im Team kennen und auf den sie sich berufen, wenn schwierige Entscheidungen anstehen.
Mögliche Leitfragen:
- Wenn euer Ort in fünf Jahren wie geplant läuft – was habt ihr in der Region verändert?
- Welche Entscheidung würdet ihr ablehnen, auch wenn sie wirtschaftlich attraktiv wäre?
Unsere Expert*innen zum Thema
Amelie Salameh
Wir bauen Zukunft eG
Amelie Salameh ist Organisationsentwicklerin und Beraterin bei Wir bauen Zukunft eG, wo sie Teams in Purpose-Prozessen, Strategieentwicklung und Konfliktmoderation begleitet. Als Mitgründerin von Himmel…
Annika Heinrichs
Organisationsentwicklerin & Gründerin von EDdM
Eine bessere Zukunft passiert nicht einfach – sie wird gemacht. Ich begleite Menschen und Organisationen in wünschenswerte Zukünfte, bin Transformationsstrategin, Business Designerin und begleite…
Jean-Chris Binetti
Wir bauen Zukunft eG
Ich unterstütze Zukunftsorte dabei, ihre Visionen in eine nachhaltige und regenerative wirtschaftliche Entwicklung zu überführen. Mit einem bodenständigen und agilen Ansatz begleite ich Organisationen,…
Johannes Milke
Wir bauen Zukunft eG
Johannes Milke ist Vorstand und Mitgründer der Wir bauen Zukunft eG, einem 10-Hektar-Zukunftsort in Mecklenburg-Vorpommern, sowie Geschäftsführer der J2C – Journey 2 Creation GmbH.…
Leona Lynen
PFHAU eG
Leona Lynen unterstützt Orte im Prozess des Werdens. Als Expertin für Koproduktion berät sie zu Prozessarchitektur und Leerstandsentwicklung. An der Hochschule Luzern lehrt sie…
Gemeinwohl als Kompass
Gemeinwohlorientierung (das Ausrichten einer Organisation am Nutzen für die Gesellschaft, nicht am Eigennutz) ist vor allem eine Frage der Haltung: Wessen Interessen stehen im Mittelpunkt, wenn ihr Entscheidungen trefft?
Das Netzwerk Zukunftsorte hat neun Kriterien entwickelt, an denen sich Orte orientieren können – darunter Offenheit für die Region, gesellschaftliche Wirkung und nachhaltiges Wirtschaften. Für euer Nutzungskonzept bedeutet das konkret: Wer darf den Ort nutzen, zu welchen Konditionen? Wer wird aktiv eingeladen, auch wenn er oder sie es sich sonst nicht leisten könnte?
Mögliche Leitfragen:
- Wen würde euer Konzept ausschließen – und wäre das in Ordnung?
- Wie stellt ihr sicher, dass auch Gruppen mit wenig Ressourcen Zugang haben?
Ziele setzen – konkret und messbar
Die Vision zeigt die Richtung. Ziele zeigen, ob ihr auf dem richtigen Weg seid. Messkriterien helfen dabei, zu verstehen, ob die eigenen Ziele erreicht wurden, und um sie regelmäßig zu überprüfen. Unterscheidet dabei zwei Ebenen:
Ziele sehen je nach eurer aktuellen Phase anders aus. In der Gründungsphase ist ein realistisches Ziel: ein fertiges Nutzungskonzept, das alle Gründungsmitglieder mittragen.
Mögliche Leitfragen:
- Welche drei Dinge müssen bis Ende des Jahres passiert sein, damit ihr sagt: Wir sind auf dem richtigen Weg?
- Woran würden Menschen außerhalb eures Teams Wirkung erkennen?
Dieser Prozess kann bei Zukunftsortprojekten in Projektphasen unterteilt werden:
Wie ihr ein Nutzungskonzept entwickelt, das funktioniert

Zuerst zuhören – Bedarfe vor Konzept
Viele Teams entwickeln ihr Nutzungskonzept am Schreibtisch. Das Problem: Sie wissen nicht, ob die Menschen vor Ort das wirklich brauchen oder wollen.
Eine Bedarfsanalyse erfasst systematisch, was Zielgruppen tatsächlich benötigen (welche Bedarfe sie haben) und muss kein aufwändiger Forschungsauftrag sein. Drei Gespräche mit lokalen Schlüsselpersonen, ein offener Abend im Dorfgemeinschaftshaus oder ein kurzer Fragebogen im Gemeindenewsletter reichen oft.
Die Genossenschaft CoWorkLand zeigt, was daraus entstehen kann: Was mit Coworking auf dem Land begann, ist heute mehr als ein Angebot für Digitalarbeitende. Es entstehen sogenannte MehrWertOrte mit Cafés, Kursen und Dorfläden – weil Teams gut zugehört haben.
Praxisbeispiel
Eine Initiative in Mecklenburg-Vorpommern wollte einen Maker Space einrichten. Im Gespräch mit Dorfbewohnenden zeigte sich: Der größte Bedarf war ein bezahlbarer Raum für Vereinstreffen. Das Ergebnis war ein Hybrid aus Werkstatt und Gemeinschaftsraum.
Mögliche Leitfragen:
- Mit wem habt ihr gesprochen, bevor ihr euer Konzept entworfen habt?
- Welche Bedarfe kennt ihr aus erster Hand – und welche nur aus der Theorie?
Zielgruppen und Beteiligung klären
Ein Nutzungskonzept muss benennen, für wen der Ort primär da ist. Unterscheidet dabei zwischen
Wichtig: Ein Zukunftsort, der von außen kommt und das Dorf bespielt, wird langfristig nicht funktionieren. Nachhaltige Orte entstehen mit den Menschen, nicht für sie. Beteiligungsformate (strukturierte Formen der Einbindung von Bürger*innen) müssen zur Situation passen. Für ein kleines Dorf kann ein offener Spaziergang durch das Gebäude mit anschließendem Kaffee wirkungsvoller sein als ein aufwändiges Workshop-Format. Und: Beteiligung ist kein einmaliges Event – wer mitgemacht hat, will wissen, was aus seinen Ideen geworden ist.
Mögliche Leitfragen:
- Wer ist eure wichtigste Zielgruppe?
- Welche Gruppe im Ort wurde bisher nicht gehört, sollte aber gehört werden?
Das Nutzungskonzept schreiben
Das Nutzungskonzept ist kein literarisches Werk, sondern ein Arbeitsdokument – für euch, für Fördergeber, für die Gemeinde. Für den Aufbau eines Gemeinwohlortes ist es ein wichtiges Kerndokument in der Gründungsphase, gleichwertig mit Rechtsform und Finanzierung.
Ein gutes Nutzungskonzept enthält diese Bausteine:
Was könnt ihr jetzt tun?
- Am Anfang: Nehmt euch zwei Stunden mit eurem Team und beantwortet die Frage: „Warum soll dieser Ort entstehen – und was wäre anders in der Region, wenn es ihn nicht gäbe?” Sucht nach dem gemeinsamen Kern.
- Mit bestehender Vision: Überprüft, ob sie sich in eurem Nutzungskonzept widerspiegelt. Ist für jede geplante Nutzung klar, wie sie zur Vision beiträgt?
- Beim Nutzungskonzept schreiben: Nutzt die Angebote des Zukunftsorte Lab, um euer Projekt bestmöglich an den Start zu bringen.
Takeaways
- Die Vision klärt, wozu euer Ort da ist, nicht wie er genutzt wird. Sie ist Kompass für eure Entscheidungen.
- Gemeinwohlorientierung heißt immer zu hinterfragen: Wessen Interessen und Nutzen stehen im Mittelpunkt unserer Entscheidungen?
- Ein Nutzungskonzept, das nicht auf echten Bedarfen basiert, scheitert in der Praxis – egal wie durchdacht es am Schreibtisch wirkt.
- Nachbarschaft und Stakeholder sind Mitgestaltende. Echte Beteiligung geht über Infoveranstaltungen hinaus.
- Wirkungsmessung beginnt mit der Frage: Woran würde jemand von außen merken, dass euer Ort einen Unterschied macht?
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Zukunftsorte-Besuch im Uferwerk (Werder/Havel)

Nutzungskonzept: Idee und Vision am Ort verankern

Dragon Dreaming, OKR & Iterationen

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Kurzberatung mit Amelie
Häufige Fragen
Wir sind uns im Team nicht einig, was der Ort leisten soll. Ist das normal?
Ja, und ein gutes Zeichen. Versucht nicht, die Uneinigkeit weg zu definieren, sondern moderiert sie. Oft stecken hinter gegensätzlichen Positionen ähnliche Werte. Ein externer Workshop kann helfen, gemeinsame Linien zu finden.
Wie lang muss ein Nutzungskonzept sein?
Das hängt vom Zweck ab. Für interne Klarheit reichen 5–10 Seiten. Für Förderanträge sind 15–25 Seiten sinnvoll. Wichtiger als die Länge: Alle relevanten Fragen sind beantwortet.
Was, wenn wir noch keine Bedarfsanalyse gemacht haben, aber schon ein Konzept brauchen?
Markiert klar, was ihr wisst und was eure Annahmen sind – und baut ein, wie und wann ihr die Lücken schließt. Fördergeber verstehen das.
Wie binden wir Menschen ein, die kein Interesse an langen Beteiligungsformaten haben?
Öffnet eure Türen und macht leicht zugängliche, gern regelmäßige Angebote, wie Flohmärkte oder Kaffee und Kuchen Nachmittage. Und geht dahin, wo sie schon sind: Sportverein, Supermarkt, Kirchenkaffee. Kurze Gespräche, klare Fragen. Niedrigschwellig ist oft wirksamer als aufwändig.
Wann ist eine Vision gut genug, um loszulegen?
Wenn alle im Kernteam sie verinnerlicht haben und sich darauf beziehen können, wenn eine Entscheidung ansteht. Sie muss nicht perfekt formuliert sein, sie muss gelebt werden.

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