So entwickelt ihr eine Vision und Nutzungskonzept für euer Projekt 

Sylke Rademacher Netzwerk Zukunftsorte

Ihr habt ein leerstehendes Gebäude im Blick, ein entstehendes Team und eine grobe Vorstellung davon, was hier entstehen könnte. Viele Initiativen machen an genau dieser Stelle den gleichen Fehler: sie stürzen sich zu früh in die Umsetzung – suchen Räume, gründen Vereine, beantragen Förderung – ohne vorher geklärt zu haben, wofür sie das alles tun.

Ihr habt eine Zukunftsort-Idee, aber noch kein gemeinsames Fundament?

In diesem Artikel bekommt ihr einen Überblick, wie ihr Schritt für Schritt von der ersten Idee zu einer tragfähigen Vision und einem konkreten Nutzungskonzept kommt – und warum beides untrennbar zusammengehört. Ohne eine klare Vision und ein durchdachtes Nutzungskonzept fehlt das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.

Vision & Nutzungskonzept: Was ist der Unterschied?

Begegnung und Gemeinwohl praktiziert im Zukunftsort Marktplatz Waldschänke

Zukunftsorte als Orte auf dem Land, die leerstehende Gebäude in lebendige Begegnungs-, Arbeits- und Gemeinwohlorte verwandeln, sind ausgerichtet am Nutzen für die Menschen vor Ort, nicht am Gewinn. Solche Orte brauchen zweierlei:

Vision
Die Vision eines Zukunftsortes beantwortet die Frage: Wozu ist dieser Ort da – jenseits des Gebäudes? Sie beschreibt den gesellschaftlichen Wandel, den ein Ort bewirken will und ist Kompass für alle Entscheidungen im Team.
Nutzungskonzept
Ein Nutzungskonzept beschreibt konkret, was an einem gemeinwohlorientierten Ort passiert – von wem, wann und für was. Es ist das zentrale Arbeitsdokument der Gründungsphase, gleichwertig mit Rechtsform und Finanzierung.

Die Vision gibt die Richtung vor. Das Nutzungskonzept macht sie konkret. Fehlt die Vision, wird das Nutzungskonzept beliebig. Fehlt das Nutzungskonzept, bleibt die Vision ein Wunschtraum.

Mögliche Leitfragen:

  • Warum soll dieser Ort entstehen – was würde fehlen, wenn er nicht käme?
  • Was soll in zehn Jahren in der Region anders sein?

Wie ihr eine echte Vision entwickelt

Vom Wunsch zur Haltung

Ein häufiger Fehler: Teams setzen sich zusammen und formulieren in einer Stunde ein Leitbild. Das Ergebnis klingt generisch – nachhaltig, inklusiv, gemeinschaftlich – und landet in der Schublade. Das Problem ist nicht der gute Wille, sondern der Prozess.

Praxisbeispiel

Wir bauen Zukunft – ein Zukunftsort auf einem 10 Hektar großen Projektgelände – hat seinen Kern klar formuliert: Die Projektgruppe erforscht und gestaltet grundlegende Bestandteile einer zukunftsfähigen Gemeinschaft und begleitet Menschen dabei, sich als Teil eines lebendigen Systems zu begreifen. Das ist keine Werbebotschaft, sondern eine Haltung, die jede Entscheidung beeinflusst – welche Veranstaltungen stattfinden, wer den Ort nutzen darf, wie er finanziert wird.

Zukunftsort Wir bauen Zukunft – 10 Hektar lebendiges System

Eine tragfähige Vision entsteht aus ehrlichen Gesprächen: Was stört euch an der aktuellen Situation vor Ort? Was soll anders werden? Welche Werte sind für euch nicht verhandelbar?

Praxisbeispiel

Eine Initiative in Brandenburg wollte ursprünglich einen Co-Working-Space schaffen. Erst im Leitbildprozess merkten sie, dass es ihnen um den Erhalt des sozialen Lebens in einem schrumpfenden Dorf ging. Das veränderte alles: Zielgruppen, Räume, Finanzierungsstrategie.

Euer Leitbild muss keine langen Sätze enthalten. Manchmal reicht ein einziger klarer Satz, den alle im Team kennen und auf den sie sich berufen, wenn schwierige Entscheidungen anstehen.

Mögliche Leitfragen:

  • Wenn euer Ort in fünf Jahren wie geplant läuft – was habt ihr in der Region verändert?
  • Welche Entscheidung würdet ihr ablehnen, auch wenn sie wirtschaftlich attraktiv wäre?

Gemeinwohl als Kompass

Gemeinwohlorientierung (das Ausrichten einer Organisation am Nutzen für die Gesellschaft, nicht am Eigennutz) ist vor allem eine Frage der Haltung: Wessen Interessen stehen im Mittelpunkt, wenn ihr Entscheidungen trefft?

Das Netzwerk Zukunftsorte hat neun Kriterien entwickelt, an denen sich Orte orientieren können – darunter Offenheit für die Region, gesellschaftliche Wirkung und nachhaltiges Wirtschaften. Für euer Nutzungskonzept bedeutet das konkret: Wer darf den Ort nutzen, zu welchen Konditionen? Wer wird aktiv eingeladen, auch wenn er oder sie es sich sonst nicht leisten könnte?

Mögliche Leitfragen:

  • Wen würde euer Konzept ausschließen – und wäre das in Ordnung? 
  • Wie stellt ihr sicher, dass auch Gruppen mit wenig Ressourcen Zugang haben?

Ziele setzen – konkret und messbar

Die Vision zeigt die Richtung. Ziele zeigen, ob ihr auf dem richtigen Weg seid. Messkriterien helfen dabei, zu verstehen, ob die eigenen Ziele erreicht wurden, und um sie regelmäßig zu überprüfen. Unterscheidet dabei zwei Ebenen: 

Outputziele
Outputziele beschreiben, was ein Zukunftsort konkret produziert – zum Beispiel Veranstaltungen, Arbeitsplätze oder Mitglieder. Sie sind messbar und zeigen, was ein Ort tut.
Wirkungsziele
Wirkungsziele beschreiben, was sich durch einen Zukunftsort in der Region verändert – zum Beispiel mehr soziales Leben im Dorf, neue Kooperationen oder stärkere regionale Identität. Sie zeigen, was ein Ort bewirkt.

Ziele sehen je nach eurer aktuellen Phase anders aus. In der Gründungsphase ist ein realistisches Ziel: ein fertiges Nutzungskonzept, das alle Gründungsmitglieder mittragen.

Mögliche Leitfragen: 

  • Welche drei Dinge müssen bis Ende des Jahres passiert sein, damit ihr sagt: Wir sind auf dem richtigen Weg? 
  • Woran würden Menschen außerhalb eures Teams Wirkung erkennen?

Dieser Prozess kann bei Zukunftsortprojekten in Projektphasen unterteilt werden:

Orientierung
Suche nach einem geeigneten Ort für euer Projekt und/oder der passenden Gruppe und Nutzungsideen.
Findung
Erstes Team und/oder Immobilie sind vorhanden und Grundlagen müssen für den Aufbau geschaffen werden.
Planung
Nutzungs-, Finanzierungs- und Betriebskonzept sind konkret ausgearbeitet und ein belastbarer Umsetzungsfahrplan entsteht.
Umsetzung
Nachhaltiges Bauen, tragfähige Finanzierung, Teamzusammenhalt und Öffentlichkeitsarbeit rücken in den Mittelpunkt.
Betrieb
Jetzt zählt ein tragfähiges Geschäftsmodell, die persönliche Weiterentwicklung des Teams und eine verständliche Außenkommunikation.

Wie ihr ein Nutzungskonzept entwickelt, das funktioniert

Zuerst zuhören – Bedarfe vor Konzept

Viele Teams entwickeln ihr Nutzungskonzept am Schreibtisch. Das Problem: Sie wissen nicht, ob die Menschen vor Ort das wirklich brauchen oder wollen.

Eine Bedarfsanalyse erfasst systematisch, was Zielgruppen tatsächlich benötigen (welche Bedarfe sie haben) und muss kein aufwändiger Forschungsauftrag sein. Drei Gespräche mit lokalen Schlüsselpersonen, ein offener Abend im Dorfgemeinschaftshaus oder ein kurzer Fragebogen im Gemeindenewsletter reichen oft.

Die Genossenschaft CoWorkLand zeigt, was daraus entstehen kann: Was mit Coworking auf dem Land begann, ist heute mehr als ein Angebot für Digitalarbeitende. Es entstehen sogenannte MehrWertOrte mit Cafés, Kursen und Dorfläden – weil Teams gut zugehört haben.

Praxisbeispiel

Eine Initiative in Mecklenburg-Vorpommern wollte einen Maker Space einrichten. Im Gespräch mit Dorfbewohnenden zeigte sich: Der größte Bedarf war ein bezahlbarer Raum für Vereinstreffen. Das Ergebnis war ein Hybrid aus Werkstatt und Gemeinschaftsraum.

Mögliche Leitfragen: 

  • Mit wem habt ihr gesprochen, bevor ihr euer Konzept entworfen habt?
  • Welche Bedarfe kennt ihr aus erster Hand – und welche nur aus der Theorie?

Zielgruppen und Beteiligung klären

Ein Nutzungskonzept muss benennen, für wen der Ort primär da ist. Unterscheidet dabei zwischen 

Zielgruppen
Zielgruppen sind die Menschen, die einen Zukunftsort aktiv nutzen sollen – zum Beispiel Digitalarbeitende, Vereinsmitglieder oder Familien. Sie stehen im Mittelpunkt des Nutzungskonzepts.
Stakeholder
Stakeholder sind Akteur*innen mit einem Interesse an einem Zukunftsort, ohne notwendigerweise selbst Nutzende zu sein – etwa Gemeinde, lokale Unternehmen, Vereine oder Fördergeber.

Wichtig: Ein Zukunftsort, der von außen kommt und das Dorf bespielt, wird langfristig nicht funktionieren. Nachhaltige Orte entstehen mit den Menschen, nicht für sie. Beteiligungsformate (strukturierte Formen der Einbindung von Bürger*innen) müssen zur Situation passen. Für ein kleines Dorf kann ein offener Spaziergang durch das Gebäude mit anschließendem Kaffee wirkungsvoller sein als ein aufwändiges Workshop-Format. Und: Beteiligung ist kein einmaliges Event – wer mitgemacht hat, will wissen, was aus seinen Ideen geworden ist.

Mögliche Leitfragen: 

  • Wer ist eure wichtigste Zielgruppe? 
  • Welche Gruppe im Ort wurde bisher nicht gehört, sollte aber gehört werden?

Das Nutzungskonzept schreiben

Das Nutzungskonzept ist kein literarisches Werk, sondern ein Arbeitsdokument – für euch, für Fördergeber, für die Gemeinde. Für den Aufbau eines Gemeinwohlortes ist es ein wichtiges  Kerndokument in der Gründungsphase, gleichwertig mit Rechtsform und Finanzierung.

Ein gutes Nutzungskonzept enthält diese Bausteine:

Zusammenfassung
Was ist der Ort, für wen ist er da, was macht ihn besonders? Das ist die Seite, die Entscheider*innen lesen.
Hintergrund & Kontext
Warum braucht es diesen Ort? Welche Lücke schließt er in der Region?
Vision & Leitbild
Was wollt ihr langfristig bewegen? Welche Werte leiten euch?
Zielgruppen & Bedarfe
Für wen ist der Ort da – und woher wisst ihr das?
Beteiligung & Governance
Wer entscheidet was? Wie sind Nachbarschaft und Nutzer*innen eingebunden?
Wirtschaftlichkeit
Wie finanziert sich der Ort, welche Fördermittel sind eingeplant?
Wirkungsmessung
Woran merkt ihr, dass ihr eure Ziele erreicht?

Was könnt ihr jetzt tun?

  • Am Anfang: Nehmt euch zwei Stunden mit eurem Team und beantwortet die Frage: „Warum soll dieser Ort entstehen – und was wäre anders in der Region, wenn es ihn nicht gäbe?” Sucht nach dem gemeinsamen Kern.
  • Mit bestehender Vision: Überprüft, ob sie sich in eurem Nutzungskonzept widerspiegelt. Ist für jede geplante Nutzung klar, wie sie zur Vision beiträgt?
  • Beim Nutzungskonzept schreiben: Nutzt die Angebote des Zukunftsorte Lab, um euer Projekt bestmöglich an den Start zu bringen.

Takeaways

  • Die Vision klärt, wozu euer Ort da ist, nicht wie er genutzt wird. Sie ist Kompass für eure Entscheidungen.
  • Gemeinwohlorientierung heißt immer zu hinterfragen: Wessen Interessen und Nutzen stehen im Mittelpunkt unserer Entscheidungen?
  • Ein Nutzungskonzept, das nicht auf echten Bedarfen basiert, scheitert in der Praxis – egal wie durchdacht es am Schreibtisch wirkt.
  • Nachbarschaft und Stakeholder sind Mitgestaltende. Echte Beteiligung geht über Infoveranstaltungen hinaus.
  • Wirkungsmessung beginnt mit der Frage: Woran würde jemand von außen merken, dass euer Ort einen Unterschied macht?

Häufige Fragen

Wir sind uns im Team nicht einig, was der Ort leisten soll. Ist das normal?

Ja, und ein gutes Zeichen. Versucht nicht, die Uneinigkeit weg zu definieren, sondern moderiert sie. Oft stecken hinter gegensätzlichen Positionen ähnliche Werte. Ein externer Workshop kann helfen, gemeinsame Linien zu finden.

Wie lang muss ein Nutzungskonzept sein?

Das hängt vom Zweck ab. Für interne Klarheit reichen 5–10 Seiten. Für Förderanträge sind 15–25 Seiten sinnvoll. Wichtiger als die Länge: Alle relevanten Fragen sind beantwortet.

Was, wenn wir noch keine Bedarfsanalyse gemacht haben, aber schon ein Konzept brauchen?

Markiert klar, was ihr wisst und was eure Annahmen sind – und baut ein, wie und wann ihr die Lücken schließt. Fördergeber verstehen das.

Wie binden wir Menschen ein, die kein Interesse an langen Beteiligungsformaten haben?

Öffnet eure Türen und macht leicht zugängliche, gern regelmäßige Angebote, wie Flohmärkte oder Kaffee und Kuchen Nachmittage. Und geht dahin, wo sie schon sind:  Sportverein, Supermarkt, Kirchenkaffee. Kurze Gespräche, klare Fragen. Niedrigschwellig ist oft wirksamer als aufwändig.

Wann ist eine Vision gut genug, um loszulegen?

Wenn alle im Kernteam sie verinnerlicht haben und sich darauf beziehen können, wenn eine Entscheidung ansteht. Sie muss nicht perfekt formuliert sein, sie muss gelebt werden.

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