Was ist gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften?

Dr. Hannah Heller MYZELIUM Ökosystem e.V.

Für viele Zukunftsorte ist es normal, zwischen Gemeinschaft und Wirtschaftlichkeit zu stehen. Wenn wir wirtschaftlichen Erfolg nur am Umsatz messen, können Orte, die vor allem von einer starken Gemeinschaft getragen werden, in Schwierigkeiten geraten.

In diesem Artikel bekommt ihr die Grundlagen des gemeinschaftsbasierten Wirtschaftens, drei Praxisbeispiele und die Antwort auf die Frage, warum es dafür sowohl ein neues Geschäftsmodell als auch eine neue Geldkultur braucht.

Der Markt regelt das? Die Gemeinschaft regelt das!

Viele von euch betreiben oder planen einen Ort, bei dem es eigentlich nie nur ums Geschäft geht: einen Laden, ein Café, einen Coworking-Space, einen Treffpunkt. Trotzdem messt ihr wirtschaftlichen Erfolg oft noch an klassischen Kennzahlen, Umsatz, Kund*innenzahlen, Preis pro Produkt, auch wenn euer eigentliches Anliegen ein anderes ist. Das führt dazu, dass Orte, die vielen Menschen am Herzen liegen, am Markt scheitern, obwohl die Gemeinschaft dahinter längst stark genug wäre, sie zu tragen.

Infobox

Gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften (GBW)

Gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften bedeutet, dass eine Gemeinschaft das wirtschaftliche Risiko eines Ortes solidarisch mitträgt – durch offene Kosten und Beiträge nach Möglichkeit, statt Umsatz allein am Markt zu erwirtschaften. So werden Kund*innen zu Möglichmacher*innen.

Getragen von Gemeinschaft: Zukunftsort Marktplatz Waldschänke

Beim gemeinschaftsbasierten Wirtschaften, oft auch CSX genannt, steht ein gemeinsames Anliegen im Zentrum, nicht eine Marktlücke.

Infobox

CSX  (Community Supported Everything)

CSX (Community Supported Everything, zu Deutsch: „gemeinschaftlich getragene Vorhaben aller Art”) ist ein Werkzeug für gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften. Eine Gemeinschaft trägt mit solidarischen Beiträgen die realen Kosten eines Ortes, wenn der Markt dafür nicht ausreicht.

Das kann eine ökologische Landwirtschaft sein, eine regionale Versorgungsstruktur oder einfach ein Ort, der euch am Herzen liegt: euer Lieblingscafé, das Dorf-Wohnzimmer, der Unverpacktladen um die Ecke. CSX ist ein Werkzeug, um dieses Anliegen zu ermöglichen, auch dort, wo es am Markt allein nicht bestehen könnte, etwa weil wirklich ökologische, fair produzierte Ware nicht mit Discounterpreisen mithalten kann.

Aus Kund*innen werden dabei Möglichmacher*innen. Wer sich mit einer Initiative verbindet, verwaltet nicht mehr nur eine einzelne Transaktion an der Kasse, sondern trägt mit, dass es das Angebot überhaupt gibt. Die Wirtschaft richtet sich dabei an Bedürfnissen statt an Profit aus, ihr fragt also nicht in erster Linie, was sich rechnet, sondern was Menschen tatsächlich brauchen, um gut zu leben.

Praxisbeispiel

Solidarische Nachbarschaft

In Rinteln hat die Inhaberin eines Bioladens nach 22 Jahren auf gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften umgestellt, auch weil ihre Umsätze seit einigen Jahren zurückgingen. 104 Stammkund*innen sind mitgegangen und unterstützen den Laden seitdem mit einem freiwilligen Beitrag und festen Einkaufsabos, das gibt dem Laden Planungssicherheit. Ein Jahr später ist daraus mehr geworden als ein Rettungsversuch: ein wöchentlicher Kaffeeklatsch im Bistro, ein schwarzes Brett, gegenseitige Hilfe beim Einkauf oder bei Behördengängen. Aus Kundschaft ist eine Nachbarschaft geworden.

  • Was ist das gemeinsame Anliegen, das euren Ort trägt, jenseits der Frage, ob sich das Angebot rechnet?
  • Wo denkt ihr an eurem Ort aktuell noch eher in Kund*innen als in Möglichmacher*innen?

Warum braucht es ein gemeinschaftsbasiertes Geschäftsmodell?

Ein klassisches Geschäftsmodell trägt Risiko meist allein, auf den Schultern eines einzelnen Teams oder einer Gründerin. Geht ein Jahr schlecht, trägt sie den Verlust allein, geht es gut, bleibt der Gewinn ebenso bei ihr. Ein gemeinschaftsbasiertes Geschäftsmodell verteilt dieses Risiko auf viele Schultern, ähnlich wie in der solidarischen Landwirtschaft, wo eine ganze Gemeinschaft das Wetterrisiko einer Ernte gemeinsam trägt. In einem schlechten Jahr fällt die Ernte kleiner aus, in einem guten profitieren alle.

Praxisbeispiel

Aus der Not eine Tugend

Als das FRANZ!werk in Tübingen, ein selbstorganisierter Coworking-Space in einer alten Fabrikhalle, mitten in der Coronapandemie stand, mussten anderswo viele vergleichbare Orte schließen. Das FRANZ!werk überlebte, weil den Menschen dahinter der Ort wichtig war und sie gemeinsam aufbrachten, was es brauchte, selbst als sie ihn kaum nutzen konnten. Ähnlich in Mannheim: Als ein beliebtes Café schließen musste, taten sich Mitglieder aus zwei gemeinschaftsbasierten Unverpacktläden und einem Kleidungsgeschäft zusammen und stellten das Café gemeinschaftsbasiert neu auf. Heute finden dort Gemeinschaftsabende, Bildungsveranstaltungen und Geburtstagsfeiern statt, ein Ort, der ohne diese Initiative heute nicht mehr existieren würde.

  • Welches Risiko trägt aktuell nur euer Kernteam allein, das ihr auf mehr Schultern verteilen könntet?
  • Was würde an eurem Ort zusätzlich möglich, wenn aus Kundschaft Mitverantwortung würde?

Warum braucht es eine neue Geldkultur?

Ein gemeinschaftsbasiertes Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn Geld anders besprochen wird als an der Kasse. Es braucht Transparenz: Wer nicht weiß, was ein Ort tatsächlich braucht – Miete, faire Löhne, Strom, Verwaltung – kann sich schwer solidarisch zeigen. Und wer nicht darauf vertraut, wofür ein Beitrag verwendet wird, gibt weniger gern. Deshalb solltet ihr CSX-Kosten und die Entscheidungen dahinter offenlegen – nicht nur einmal zur Beitragsrunde, sondern fortlaufend. Wer tiefer einsteigen möchte, findet dazu mehr in unserem Handbuch zum gemeinschaftsbasiertem Wirtschaften.

Solidarität heißt dabei, dass jede*r gibt, was sie oder er ohne Not geben kann– mit dem Bewusstsein, dass Ressourcen in unserer Gesellschaft ungleich verteilt sind. Wer mehr geben kann, gibt bewusst mehr und unterstützt damit die anderen. So wird der tatsächliche Bedarf eines Ortes gemeinsam getragen, statt dass ein fester Preis Menschen ausschließt, die gerade wenig haben, oder Menschen mit mehr Möglichkeiten außen vor lässt, obwohl sie gern mehr beitragen würden. Wie man den eigenen Bedarf ermittelt, könnt ich auch im CSX-Transformationsleitfaden nachlesen.

  • Wisst ihr, wie hoch der tatsächliche Bedarf eures Ortes ist, und ist diese Zahl für eure Gemeinschaft sichtbar?
  • Wie leicht fällt es euch, offen zu sagen, was ihr braucht, ohne das Gefühl, zu viel zu verlangen?

Kurzcheck für euren Ort

1. Anliegen
Kennt ihr das gemeinsame Anliegen hinter eurem Angebot in einem Satz, den auch neue Mitglieder verstehen?
2. Bedarfe
Wisst ihr, was euer Ort im Monat wirklich braucht?
3. Risikohaftung
Trägt bei euch mehr als ein einzelnes Team das wirtschaftliche Risiko mit?
4. Transparenz
Ist für eure Gemeinschaft sichtbar, wofür ihre Beiträge verwendet werden?

Takeaways

  • Nicht der Markt, sondern die Gemeinschaft trägt euren Ort wirtschaftlich mit.
  • CSX macht Kundschaft zu Ermöglichenden mit Einblick und Mitsprache.
  • Ein gemeinschaftsbasiertes Modell verteilt das Risiko auf viele Schultern.
  • Transparenz über echte Kosten ist Voraussetzung für Solidarität.

Was könnt ihr jetzt tun?

Ihr müsst nicht sofort euer ganzes Modell umstellen. Ein guter erster Schritt ist, das gemeinsame Anliegen hinter eurem Ort einmal laut auszusprechen, in einem Satz, den auch neue Mitglieder verstehen. Ein zweiter Schritt ist, eure tatsächlichen Kosten einmal offen aufzuschreiben, bevor ihr über Beiträge sprecht.

Häufige Fragen

Ist das nicht einfach eine Spende?

Nein. Eine Spende endet meist mit der Überweisung, ein Beitrag verbindet: Wer beiträgt, wird Teil der Gemeinschaft, bekommt Einblick in die Zahlen und oft auch ein Mitspracherecht.

Müssen wir gleich unser ganzes Geschäftsmodell umstellen?

Nein. Viele Initiativen starten mit einem Teilbereich, einem Einkaufsabo oder einem freiwilligen Zusatzbeitrag, und entwickeln sich von dort aus weiter.

Was, wenn nicht genug Menschen mitmachen?

Diese Sorge ist verständlich, zeigt sich in der Praxis aber seltener als gedacht. Entscheidend ist, wie klar euer gemeinsames Anliegen und wie transparent euer Bedarf kommuniziert werden.

Ist GBW nur etwas für Läden?

Nein, das Prinzip funktioniert für Cafés, Coworking-Spaces, Kulturorte, Nachbarschaftstreffs und viele andere Vorhaben, überall dort, wo Menschen ein gemeinsames Anliegen tragen.

Reicht ein Workshop, um unsere Geldkultur oder unser Geschäftsmodell zu verändern?

Ein Workshop öffnet den Raum und liefert eine gemeinsame Sprache, die eigentliche Arbeit passiert danach an eurem Ort, in kleinen, wiederkehrenden Schritten, z.B. im Rahmen der Begleitung durch Expoert*innen im Lab.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner